Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Eigene Texte II

Beispiel 6

 

 

Wege des Wissens – Epochen der Menschheit in zwölf Bildern

 

Moderne

Odyssee 2001: Zeigte uns Stanley Kubrick in seinem Filmklassiker eine wahre Fiktion? Steht uns seit dem Überschreiten der Schwelle zum dritten Jahrtausend der Sturz durch die Dimensionen bevor? Symbolisiert der geheimnisvolle Monolith die kompakt-unzugängliche Einheitsformel des Kosmos? Ist er verknüpft mit dem Ursprung des menschlichen Geistes und ihm wesensgleich – und doch fremd und wie aus einer anderen Welt, weil aller vertrauten und deutbaren Bestimmungen des Irdischen entkleidet? Ist das Fremdeste und Unheimlichste, dem wir begegnen können, uns urverwandt, der Kern unseres eigenen Wesens? Schaffen wir uns mit der universalen Theorie, mit der letzten Ablösung aus den Koordinaten der klassischen Physik, selbst den vollständigen Verlust der Realität?

Alle bisherigen Kosmologien waren bezogen auf ein wenn nicht vorstellbares, so doch denkbares All, blieben Entwürfe im Bann der Dimensionen von Raum und Zeit. Mit ihrer Abschaffung wäre auch die uns vertraute Form zu denken abgeschafft – ein Sprung hinaus aus der Welt. Bedeutet das den theoretischen Kollaps der Physik oder ihre praktische Transformation zur Metaphysik? Reist der Physiker von morgen durch Raum und Zeit? Oder reißt er die Welt mit sich in ein bodenloses Nichts? Ging der physischen Vernichtung der Wirklichkeit zwangsläufig ihre theoretische Aufhebung voraus – als ein vorbereitender und weichenstellender Akt?

„Denkt man sich den Widerstand der Luft weg, dann fallen alle Gegenstände gleich schnell.“ So argumentierte Galilei, als er seine Fallversuche demonstrierte. Seither kommen wir durch Wegdenken zu dem, was wir für wahr halten. Wir ziehen unsere Anschauung der Welt von der Welt ab – wir abstrahieren und gelangen so zur anwendbaren Formel. Mit ihr berechnen wir die verbleibende Mechanik der Welt. Seit der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Quantenmechanik gehen wir darüber – theoretisch – noch hinaus: Wir krümmen den Raum und brechen mit der stofflichen Solidität des Atoms. Damit geben wir die Anschaulichkeit auch in den Prinzipien preis. Folglich „verstehen“ wir immer weniger: Verständnis geschieht in der Anschauung, wissenschaftliche Aneignung anhand der Formel, die die Anschauung zerlegt.

 

Der Versuch der Überwindung von Raum und Zeit legt die Axt an die letzten Wurzeln der Realität: Raum und Zeit – sie sind die Formen, die uns zuletzt noch binden. Wie löst man ihr Rätsel, wie bricht man ihr Geheimnis, wie führt man sie auf anderes zurück, wo ist ihr wunder Punkt? So fragt neue theoretische Physik.

Wo stehen wir damit im Gange der Kulturepochen? Auf die Atomisierung unseres Weltbildes folgte seine Relativierung und Dynamisierung. Durch den sinnlichen Zusammenhalt der Welt haben wir mit den Seziermessern der Chemie und Physik Schnitt um Schnitt geführt. Weit haben wir uns damit von den frühen Morphologien des menschlichen Geistes entfernt, von der Welt des Neandertalers, des Cro-Magnon und selbst von der uns noch nahen Welt der Aufklärung, die wir heute in vielem als naiv-optimistisch betrachten. Und in den spärlichen Resten einstiger Naturvölker sehen wir nichts anderes als die letzten Vertreter einer kollektiven Zwangsneurose.

Wie aber sähe eine Morphologie unseres modernen Ego aus? Wir erwarten nichts mehr von den Mächten, die uns umgeben, weder im Guten noch im Bösen. Nicht sie beherrschen uns – wir beherrschen sie oder werden sie beherrschen. Wir erschaffen uns unsere eigene Welt und Wirklichkeit. Wir haben die Dimensionen des Universums vermessen, jetzt fasziniert uns die Idee ihrer Überwindung. Manche sehen darin inzwischen unsere letzte Hoffnung. „Bleibt der Erde treu!“ rief Nietzsche kurz vor Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch aus. Waren die Würfel da bereits gefallen? War der weltensprengende Monolith längst schon angekommen: in uns selbst?

© Horst Kappen 2000/2021                    zurück