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Wege des Wissens – Epochen der Menschheit in zwölf Bildern

 

 

Aufklärung

Im 18. Jahrhundert sitzt die bürgerliche Vernunft im Kaffeehaus und überprüft anhand der Schriften von Locke, Voltaire und Rousseau den Stand ihrer Mündig-keit. In den Salons und Debattierzirkeln von London, Paris und Leipzig erörtert man Autonomie, Freiheit und Würde des Menschen. Man liest die neuen Journale und belehrt sich über seine Zuständigkeit in den wichtigen Fragen von Staat und Kultur, Religion und Erkenntnislehre. Die Entdeckungen des genialen Newton übersetzt der geistreiche Voltaire den Franzo-sen in einen zierlicheren Bonmot-Stil. Man entlarvt den Geist der Zeit. Stück um Stück sichtet kritische Prüfung die Bestände und findet Obskurantismus und Infamie allenthalben. Nicht Eigenverantwortung, sondern Au-toritätsglaube, Dogmen anstelle von Selbstdenken, Vorurteile statt empirisch gewonnener Einsicht, Staats-willkür statt Humanität. Und dazu noch Mystizismus, Aberglaube, Spuk und Hexenzeug.

Man will Wissenschaft. Und Bildung. Und Gleichheit. Und Gerechtigkeit. Die Reform des Strafrechts. Presse-freiheit. Menschenrechte. Und die Beschränkung der Kirchenautorität. Die Liste ist lang, der Kontrast zur absolutistischen Gesellschaft auffallend, entsprechend offensiv der Tonfall. Man hat mächtig zu tun. Alle Welt forscht, experimentiert, debattiert und opponiert. Man formuliert scharfsinnig, scharfzüngig, gutgelaunt und optimistisch. Und vor allem angriffslustig. Man baut auf Rationalismus und Empirismus, auf die Erkennbar-keit der Natur mit natürlichen Mitteln: gesunder Menschenverstand, Ursache und Wirkung. Punktum.

Wissenschaftliche Entdeckung grassiert. Und dann die Encyclopédie: Ab 1751 edieren Diderot, d’Alembert & Co. ein Lexikon, das dem geneigten Leser Stichworte wie „Seele“ oder „Unsterblichkeit“ im Haupteintrag tadellos rechtgläubig präsentiert – und sie auf versteckten Pfaden kritisch zergliedert. Ein programmiertes Wörter-buch des Subversiven in achtundzwanzig Bänden.

 

 

Das Jahr 1789 bringt die französische Erklärung der Menschenrechte und zugleich die Formulierung des Gesetzes von der Erhaltung der Materie durch Lavoisier. Bereits 35 Jahre zuvor hatte die Erfindung der Dampf-maschine durch James Watt den Beginn des Maschinen-zeitalters markiert. Die Rokoko-Gesellschaft löst sich auf. Ein neuer Typus mit neuer Identität und neuem Selbst-bewusstsein tritt als Erbe der großen Revolution auf: der liberale Bürger. In seiner Welt vereinigen sich die Prinzi-pien von Freiheitlichkeit, Wissenschaft und Technik, mit denen er nun als Unternehmer das industrielle Zeitalter und bald darauf das kapitalistische einleitet. Die Idee der Freiheit mutiert bei Adam Smith zur Ideologie eines „freien Spiels der Kräfte“. Wir sind in unsere eigene Epoche eingetreten.

© Horst Kappen 2000/2017                                        zurück

 

 

 

 

 

 

    Eigene Texte II

    Beispiel 5